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Trendsau Eisbaden


Eine kreisförmige Kette angespannter Leiber. Der Wind pfeift und wird nur unterbrochen durch zehn rasselnde, surrende Kehlen. Wie bin ich nur hier gelandet? Freiwillig und ohne Zwang? Wie als wolle sie meine Gedanken ertränken, werde ich von einer eisigen Woge, vom Wind aufgewirbelten Wassers überspült. Sie peitscht gegen meine Kehle, fließt über meine Schultern, rinnt an meinem langsam taub werdenden Rücken hinunter und schmiegt sich in den Reigen tanzender Wellen, die sich ihren Weg Richtung Ufer bahnen, nur um an den kleinen, verbliebenen Eisplatten des Winters zu brechen und im Kies zu versickern. Von der Ostsee aus treibt Orkan Nadja über Deutschland, dessen Ausläufer zu einem Wintersturm im Bayern führen. Nieselregen und Sonnenstrahlen wechseln sich ab. Massige Wolkenberge bäumen sich bedrohlich dunkel am Himmel auf. Ein Wetter, das eigentlich an den Kamin, in die gute Stube lädt. Was also zum Teufel mache ich hier, bei sechs Grad Wassertemperatur? Der Griff einer fremden Hand um meinen Nacken, wird fester, verzweifelnd Halt suchend, ein letztes Aufgebot an Kraft aufbringend. Im Gegenzug klammern sich auch meine Hände an kaltes Fleisch. Ich bin hier nicht allein. Das ist tröstend. Ich mache meine Augen auf und blicke in einen Kreis, wild atmender, angespannter Gesichter, deren auserkorenes Ziel es ist, die nächsten zwei Minuten zu überleben. Blasebalgartige Zischgeräusche, die aus den Tiefen des Hades selbst zu kommen scheinen, legen sich über den pfeifenden Wind. Durch die Nase einatmen und durch den Mund wieder aus. Bloß keine Schnappatmung bekommen. Immer schön ruhig.

Ruhig ist es nicht. Es klingt, wie zehn Gebärende mit Komplikationen. Ich höre meinen Atem durch meine Nasenlöcher einströmen, nur um in einem druckbeladenen Ohmmmm wieder ausgeblasen zu werden. Meine Zehen sind zu kleinen Eisnuggets geworden und versuchen sich schmerzhaft im Kiesboden zu verankern. Ich bin mir sicher, einer dieser kleinen, kaum von Fleisch oder Fett umgebenen Knorpel wird jeden Moment abfallen und auf einer Windwelle surfend ans Ufer gleiten. Meine wenigen, noch nicht gefrorenen Gehirnzellen versuchen, meinen Phantomkörper ausfindig zu machen - wo ist mein Hintern? Mein Bauch? Und wo sind meine Beine abgeblieben? Während Zweifel in mir keimen, jemals überhaupt einen Körper gehabt zu haben, empfinde ich die einsetzende Taubheit erstaunlicherweise als Leichtigkeit. Wo einst mein Hintern war, ist nun ein sphärisches Nichts. Ich bin mir sicher, nur noch aus Schultern, Hals, Kopf und Blasebalg zu bestehen, als plötzlich und unvermittelt die Wärme, ach was sag ich, die Hitze einschießt. Es fühlt sich gut an. Sie wird stärker, ergreift nun auch Besitz von meinem Hinterteil und ich bin froh, dass ich selbiges später nicht am Grunde des Staffelsees suchen muss. Ich höre die Stimme des Coaches, die sagt: "Bald habt ihr es geschafft, ihr seid großartig!" Ich reiße erneut meine Augen auf, blicke vorbei an angestrengten Gesichtern und sehe auf das Zugspitzmassiv. Die Sonne bricht durch die Wolken. Orkanböen reißen blaue Löcher in die Wolkendecke und mich überwältigt eine Woge von Dankbarkeit, Freude, schierem Wahnsinn. Die zwei Minuten Eisbaden sind vorüber. Jubel bricht im Kreise der Todesmutigen aus, gefolgt von einem aquatischen Exodus. Steife Leiber stolpern auf taubgefrorenen Füßen Richtung Ufer. Ich sehe meine Fellstiefel und meinen Mantel im nassen Laube liegen. Ein Anblick der nicht schöner sein kann. Ich gleite hinein. Nie hat sich Wolle besser angefühlt. Die letzten trüben Rezeptorentassen erwachen aus dem Kälteschlaf und stimmen ein, in eine kleine Operette. Hände dirigieren Energien von rechts nach links und von links nach rechts. Der Wind stimmt seine schönste Arie an, bläst, schnaubt, brüllt, verebbt in einem Flüstern und schafft so Raum für Oktaven von Gelächter, Gejuble, Uhs und Ahs. Gefühle, die sich fest aneinander gekauert, zwischen Herzenswänden versteckt hatten, brechen nun hervor und jagen das Glück in die Gesichter, das Strahlen in die Augen und den Glanz auf das Lächeln eines Jeden.

Zwei Minuten, die eine Welt verändern können, emotionale Mauern zum Einsturz und die Sicht auf das Wesentliche frei machen. Zwei Minuten, die mich einmal von innen nach außen stülpen und mich mit einem Glücksgefühl zurücklassen. Zwei Minuten, die einen Coronatrend begründen und scharenweise Wim Hof Jünger hervorbringen. Was ist dran am Hype und am Versprechen eines starken Immunsystems, das dem Virus feist ins Antlitze blickt und ruft: "Komm doch, wenn Du dich traust?" Es werden Studien zu Rate gezogen, die zeigen sollen, dass die körpereigenen Abwehrkräfte wachsen und viele gängige Erreger keine Chance haben. Die Gegenseite bezieht sich ebenfalls auf Studien, die den Stress für den Körper hervorheben, es gar als gesundheitsschädlich abtun.

Während der Sturm jene virtuellen Diskursfetzen mit sich nimmt, verbleibe ich in der Einsicht, dass sich dieser Trend zu Zeiten einer der heftigsten soziopolitischen und -ökonomischen Umwälzungen manifestiert. Zeiten, die durch erzwungene Tatenlosigkeit zur Auseinandersetzung mit unserem facettenreichen Inneren, aufriefen. Eine Zeit, in der wir entweder unsere Wohnungen renovierten, oder unser Inneres - in der wir einen Zugang zu uns selbst, unseren Gefühlen und Zielen legten. Was macht mich aus und wer will ich sein? Wie ist mein Verhältnis zu meinen Mitmenschen und zur Welt? Resigniere ich, ob der Entwicklungen, oder nehme ich den Kampf auf, nachhaltigen Wandel in jener Welt zu schaffen, die so voller Leben und doch in zunehmender Zerstörung versinkt. Wilde Zeiten brauchen wilde Taten und so bin ich mir sicher, dass unabhängig davon, ob mein Immunsystem nun in himmlischen Höhen oder dem Abgrunde nahe ist, das Bad im Eis den Blick auf das Wesentliche eröffnet: auf mich selbst im Hier und Jetzt. Präsent im gegenwärtigen Moment. Die zwei Minuten ertrage ich nicht nur, sondern genieße sie in vollen Zügen, denn ich bin mir deren Vergänglichkeit bewusst und das macht sie so besonders. Ich finde keine Antworten in zwei Minuten im Eiswasser, aber ich meine, ihnen vielleicht einen ganz entscheidenden Schritt näher gekommen zu sein.

Ich finde, es sei das richtige gewesen, diese Trendsau durchs Dorf gejagt und mich an diesem stürmischen Sonntagmorgen mit neun weiteren Abenteurern und einem energetisierenden Coach Moritz, an den Ufern des Staffelsees eingefunden zu haben, denn als ich an diesem Nachmittag nach Hause fahre, will mir das Grinsen nicht mehr aus dem Gesichte weichen. Es hat sich dort in einem Meer aus Serotonin und Noradrenalin verankert, und auch Orkan Nadja, wird es dort schwerlich wieder wegbekommen.





A circular chain of tense bodies. The wind whistles and is only interrupted by ten rattling, whirring throats. How did I end up here? Voluntarily and without coercion? As if to drown my thoughts, I am swept by an icy wave of water whirled up by the wind. It whips against my throat, flows over my shoulders, runs down my slowly numbing back, and nestles into the round dance of dancing waves that make their way toward the shore, only to break on the small, remaining slabs of winter ice and seep into the gravel. From the Baltic Sea, Hurricane Nadja drifts across Germany, its foothills leading to a winter storm in Bavaria. Drizzle and sunshine alternate. Massive mountains of clouds pile up menacingly dark in the sky. A weather that actually invites to the fireplace, in the good room. So what the hell am I doing here at six degrees water temperature? The grip of an unfamiliar hand around my neck tightens, desperately seeking a hold, mustering a last ounce of strength. In turn, my hands also cling to flesh that is getting colder. I am not alone here. That is comforting. I open my eyes and look into a circle, wildly breathing, tense faces whose chosen goal is to survive the next two minutes. Bellows-like hissing sounds that seem to come from the depths of Hades itself settle over the whistling wind. Inhale through the nose and exhale through the mouth. Just don't get any gasps. Always calm.

It is not calm. It sounds like ten birthing women with complications. I hear my breath coming in through my nostrils, only to be blown out again in a pressure-laden ohmmmm. My toes have become little ice nuggets, painfully trying to anchor themselves to the gravel floor. I'm sure one of these little cartilages, barely surrounded by flesh or fat, will fall off at any moment and glide surfing on a wind wave to shore. But it doesn't get that far. My few, not-yet-frozen brain cells try to locate my phantom body - where's my butt? My belly? And where have my legs gone? While doubts germinate in me of ever having had a body at all, I surprisingly feel the onset of numbness as ease. Where once was my butt is now a spherical nothingness. I'm sure I'm down to shoulders, neck, head and bellows when suddenly and abruptly the warmth, oh what am I saying, the heat shoots in. It feels good. The heat becomes stronger, seizes now also possession of my rear end and I am glad that I must not look for selbiges later at the reason of the relay lake. I hear the coach's voice saying, "Soon you'll have made it, you're great!" I tear open my eyes, look past strained faces and look up at the Zugspitze massif. The sun breaks through the clouds. Gale-force winds tear blue holes in the cloud cover and I'm overwhelmed by a surge of gratitude, joy, sheer madness. The two minutes of ice bathing are over. Cheers erupt in the circle of the death-defying, followed by an aquatic exodus. Stiff bodies stumble toward shore on numb frozen feet. I see my fur boots and coat lying in the wet arbor. A sight that could not be more beautiful. I slide in. Wool has never felt better. The last dull receptor cups awaken from their cold sleep and tune into a little operetta. Hands conduct energies from right to left and from left to right. The wind tunes its most beautiful aria, blows, snorts, roars, ebbing into a whisper, creating space for octaves of laughter, yelps, oohs and ahhs. Feelings that had been huddled tightly together, hidden between walls of hearts, now burst forth and chase happiness into faces, radiance into eyes and shine onto everyone's smile.


Two minutes that can change a world, bring down emotional walls and clear the view of what's important. Two minutes that turn me inside out for once and leave me with a feeling of happiness. Two minutes that start a Corona trend and create Wim Hof disciples in droves. What is it about the hype and the promise of a strong immune system that looks the virus feistily in the face and shouts, "Come on, if you dare?" Studies are consulted to show that the body's own defenses are growing and that many common pathogens don't stand a chance. The opposing side also refers to studies that emphasize the stress on the body, even dismissing it as harmful to health.

As the storm takes those virtual scraps of discourse with it, I remain with the understanding that this trend is manifesting itself at times of one of the most violent socio-political and socio-economic upheavals. Times that, through enforced inaction, called for us to confront our selves and our multi-faceted inner selves. A time in which we either renovated our homes, or our inner selves - in which we made an approach to ourselves, our feelings and goals. What makes me and who do I want to be? What is my relationship to my fellow human beings and to the world? Do I resign myself to the developments or do I take up the fight to create sustainable change in a world that is so full of life and yet sinking into increasing destruction? Wild times need wild actions and so I am sure that regardless of whether my immune system is in heavenly heights or close to the abyss, the bath in the ice opens the view on the essential: on myself in the here and now. Present in the present moment. I not only endure the two minutes, but enjoy them to the fullest, because I am aware of their transience and that is what makes them so special. I don't find any answers in two minutes in ice water, but I think I may have come a decisive step closer to them.

I think it was the right thing to have chased this trendsau through the village and to have joined nine other adventurers and an energizing coach Moritz on this stormy Sunday morning on the shores of the Staffelsee, because when I drive home that afternoon, the grin won't leave my face. It has anchored itself there in a sea of serotonin and norepinephrine, and even hurricane Nadja will have a hard time getting it away again.


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