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Die Wunschmuschel

Ein kalter Wind treibt vom Meer, trockenes Laub durch die Straßen von Faro. Es ist noch dunkel, als ich meine Bleibe für die Nacht verlasse. Die Stadt schläft noch. Allein die Spatzen tummeln sich in einem bauchig grün belaubten Baum am Straßenrand, zirpen wild und verstummen alle mit einem Mal, als ich mit meinem Rucksack unter ihnen vorbei schiebe. Vielleicht haben sie auch die schwarze Katze entdeckt, die im Schatten einer Mauer lauernd auf ihre Chance wartet. Die Sonne ist noch nicht zu sehen, als ich die Stadt hinter mir lasse und eintauche in die wilde Natur der Algarve. Ein blassrosa Farbband erleuchtet den Horizont und kündet einen neuen Tag an. Allmählich durchziehen goldene Schlieren den Himmel, der sich in ein loderndes, hitzig purpurnes Feuer verwandeln wird und so den Weg für die Sonne bereitet. Vor mir liegen viele Kilometer einer Wanderschaft, ohne konkretes Ziel, die Küste entlang. Tage, geprägt vom knarzenden Geräusch des Sandsteins, der unter meinen Sohlen zermalmt. Ein Tag, so gleichförmig, wie jeder andere und doch so vielfältig in seinen Erlebnissen, Gerüchen, Geräuschen, Empfindungen. Elf Tage liegen vor mir, angetrieben nur durch die Kraft meiner Beine, mit wenig mehr am Körper, als es zum Leben braucht und ein ungleich größeres Maß, an sich windenden, haltlos zirkulierenden Gedanken, die aus dem Monkeymind strömen und die am Ende dieser Reise, wenn auch nur für eine kurze Zeit, zur Ruhe kommen und den Empfindungen meines Herzens und den Wahrnehmungen meiner Sinne Platz machen, mich ankommen lassen, im Hier und Jetzt.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich am Tag 9 meiner Reise, auf einer von der Witterung zerstörten Steinmauer. Der Monkey hat sich schon lange schlafen gelegt und ich fühle die wärmenden Sonnenstrahlen auf meinem Rücken, lausche dem Zwitschern kleiner Singvögel, deren farbenfrohe Liebes- und Lebenslieder, nur durch das Summen geschäftiger Insekten unterbrochen wird. Ich rieche den Duft staubiger Erde und Yasmin, welcher von warmen Windströmen in Richtung Meer davongetragen wird. Das fahle grün alter Olivenbäume zeichnet sich vor dem Azur des Himmels ab. Nicht weit entfernt, eine Flussmündung, deren sanfter Strom allmählich im Salz der Meerestide versiegt. Flamingos tanzen einen Pas de deux und stieben mit zögernden, doch anmutigen Schritten durch das Wasser. Einige Reiher und Enten geben ihnen Geleit und untermalen den bedächtigen Tanz mit wütendem Flügelschlagen. In der Ferne bellen Hunde sich die Kehlen wund. Ein Duft von Feigen und Vanille erfüllt die Luft.

Ich blicke zurück auf Tage, die in ihrer Gleichförmigkeit einen Blick in die Vielfalt des Moments geben. Entschleunigt, setze ich meine Schritte, einer nach dem andren, nehme jedes Kraut am Wegesrand wahr, folge mit dem Blick den Ameisenstraßen in die zerklüfteten Nischen der gelben Klippen. Diese Art des Reisens ermöglicht den Blick auf die kleinen Dinge, die mir in dem hektischen Lebens- und Berufsalltag oft verschlossen bleiben. Es ermöglicht den Einblick in einen wunderbaren Mikrokosmos. Es sind die knapp 100 km zwischen Anfang und Ende, an denen ich Teil nehme und von denen ich ein Teil werde.

Ich komme vorbei an einem kleinen Kasten. Signierte Muscheln quellen über seinen Rändern hervor. Worte der ewigen Liebe, gegenseitiger Zuneigung oder auch nur die Namen vorbeiwandernder Passanten sind auf die Muscheln gezeichnet. Jede einzelne umgibt die Aura von menschlichen Sehnsüchten und Wünschen, die sich vielleicht nie erfüllen werden. Insignien eines Lebens wie es sein soll, doch oft nicht ist. Wie viele Lieben sind heute noch in Takt, wie viele Wünsche dem Alltag, dem Leben zum Opfer gefallen und doch tragen diese Muscheln, die Schwere ihrer Bürde mit langmütiger Gelassenheit. Die Muschelbox ruft uns dazu auf, uns zu verewigen, damit uns der Strand nicht vergesse. Ich habe keinen Edding und mein Kugelschreiber weigert sich, seine Tinte über dem Muschelkalk zu ergießen. Wird sich der Strand an mich erinnern? Werde ich mich an diesen Strand erinnern? Mein GPS funktioniert nicht. Es kann mich nicht orten. Meine Reisetrackerapp zeigt lapidar: Somewhere in the world. Irgendwo auf dieser Welt, bin ich zwar ohne Schreiberling aber mit einem ganzen Paket an Wünschen, Sehnsüchten, Träumen. Ich gehe weiter und nehme einen unvergesslichen Moment mit mir, in dem ich mich an den Wünschen der anderen erfreue, auf das Meer blicke, die heranrollenden Wellen in weißen Schaum aufgehen sehe, während sie neues Muschelmaterial, für neue Wünsche herantragen.


So schön ein jeder Schritt ist, nehme ich auch die Veränderungen meiner Umgebung wahr, hervorgerufen durch Massentourismus und klimatisch bedingte Küstenerosion. Ich wandere vorbei an weitläufigen Hotelanlagen, deren Vehemenz und schiere Größe mich erschrecken. Betonklötze, die sich nicht einfügen wollen in die Natur, sondern sie überlagern und ein Gesicht einer anderen Algarve offenbaren. Hotelbunker, die geschaffen sind, um während der Sommermonate Heerscharen an Portugiesen, Briten, Franzosen, Deutschen aufzunehmen und zu vergnügen, die jedoch im Februar wie verwaiste Geisterstädte über den Klippen thronen. Sie erwachen an 3-4 Monaten zum Leben, lodernde Leuchtreklamen, von Sportsbars, Champions League: Liverpool gegen Inter heute hier live. Pubs deren Angebot ein vertrauter Anker für Touristen weist. Was ist es? Ein Auswurf dekadenter Urlaubsausbeutung, deren Subjekte wie süßer Brei aus dem Grimmschen Kochtopf wabern und sich über die Flüchte und Ebenen ziehen? Bin ich nicht auch ein Teil des Breis, der seine blubbernden Tentakeln über das Gestein, die Küste, die Altstadt zieht, versucht die Schönheit zu greifen, die durch unsere bloße Anwesenheit zu schwinden scheint? Ich sehe den Sandstein, der durch klimabedingte Küstenerosion nach und nach abgetragen wird. Ich blicke auf einen Felsen namens "Yellow Submarine". Ein, wie ein Uboot geformter Stein, umgeben von Wasser. Vor vielen Jahrzehnten von der Klippe abgebrochen, wartet er nun im Wasser auf seine stetig voranschreitende Tilgung. Beiläufig starre ich auf den Felsen und sage ehr zu mir selbst, dass in einigen Jahren davon nichts mehr übrig sein werde und die Generationen nach uns keine Submarine mehr zu sehen bekommen. Harry, eine Wegesbekanntschaft, der mich zusammen mit seiner Frau ein paar Stunden an diesem Tag begleitet, antwortet, dass es dann wieder etwas Neues geben werde, worauf die nach uns kommen, blicken können. Damit hat er Recht, aber ist es denn wirklich so einfach? Können wir das alles wirklich mit jener Gleichgültigkeit hinnehmen? Alles ist im Wandel und Wandel gehört zu uns und unserer Zeit, in einem nie dagewesenen Maße. Und doch scheint es mir einen Unterschied zu geben, zwischen dem flexiblen Umgang mit der modernen Wirklichkeit, der wir agil und ohne Anspruch auf Kontrolle entgegentreten sollen, um nicht in den Falten der Zeit stecken zu bleiben und teilnahmsloser Gleichgültigkeit. Aber was ist der Schlüssel zur Lösung? Eine kurze Internetrecherche ergibt ein erschreckendes Bild. Vielerorts werden Mangroven gepflanzt, die als natürliche Wellenbrecher dienen, aber diese sind in Portugal nicht heimisch. Anderenorts wird versucht die Wellen abzuleiten, was lediglich zu einer verstärkten Abtragung an anderer Stelle führt. Also bleibt uns nichts als dabei zuzusehen, wie die Küstenlinie ihren unaufhaltsamen Gang Richtung Landesinneres antritt, und jeder Schritt, den ich über die Klippen setze, zu eben jener Abtragung beiträgt?

Ich werfe Fragen auf, für die ich keine Antwort habe. Doch verbietet es sich mir, diese Fragen deshalb nicht zu stellen. Allmählich verlieren sie sich im Rauschen des Meeres und ich denke mir, dass jeder aufmerksame Schritt, jeder gewahre Moment doch auch einen Beitrag leistet. Denn wer seine Umwelt, die inne liegende Schönheit der Natur wahrnimmt - fühlt - kann ihre Zerstörung nicht hinnehmen. Vielleicht ist jener aufmerksame Wanderer ein weiteres Glied im Kampf gegen die unaufhaltsame Destruktion und vielleicht führt die Verbundenheit, die der Wanderer mit sich und der Natur spürt, zu einem "Nein" zum Weiter so. Zumindest möchte ich mir das wünschen und beschrifte im Geiste eine imaginäre Muschel, an jenem Strand, "somewhere in the world".






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